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Trainerinterview mit Franz Bork

KDB: Wie / wann bist Du zum Karate gekommen?

Franz: Durch einen Freund. 1962

KDB: Wie fand das Training seinerzeit statt?

Franz: Ähnlich wie heute. Sehr viel Kihon. Viele Kata kannten wir damals noch nicht. Die wenigen die wir kannten, wurden aber um so eifriger trainiert. Kumite wurde damals in Bochum sehr realistisch trainiert, im Gegensatz zu anderen Vereinen, bei denen noch sehr große Distanzen beim Partnertraining üblich waren. Ich kam aus dem Boxlager und war realistische Distanzen gewöhnt.

KDB: Wie wurde Karate in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Franz: Karate hatte das Image des Bretterzerschlagens. Es war für die Öffentlichkeit noch alles sehr exotisch. Mit einem Schlag einen anderen zu töten, oder allein gegen vier Gegner und das sehr erfolgreich, so stellte man es sich vor. Ich weiß nicht wie viel wir dazu beitragen konnten, dass sich dieses Bild sehr schnell zum Positiven gewandelt hat.

KDB: Du bist damals auf DM, EU & Weltmeisterschaften gestartet. Wie waren die Wettkämpfe (im Vergleich zu heute)?

Franz: Zuerst einmal eine Antwort, die mit der Frage nur sekundär zu tun hat. Die Wettkämpfer haben sich früher genau so intensiv wie heute auf den Wettkampf vorbereitet. Die Kämpfe selbst wurden mit gleicher Härte durchgeführt und die Gewinner haben die Kämpfe in genau so positiver Erinnerung gespeichert wie die heutigen Sportler. Die Verlierer waren genau so sauer oder enttäuscht oder aber auch zufrieden, weil sie ein gutes Gefühl hatten das beste gegeben zu haben wie heute auch.

Franz: Die Wettkämpfe selbst wurden anders geführt, weil sie anderen Regeln unterlagen. Von daher ist es schwer, sie zu vergleichen.

Es ist eben für die Kampfesführung ein Unterschied, ob der Kampf nach einer Technik beendet sein kann oder ob ich noch weitere Chancen erhalte. Beide Systeme haben ihren Reiz. Aber diese Reize sind sehr unterschiedlich.

KDB: Wie war das Training bei Hirokazu Kanazawa?

Franz: Herr Kanazawa hat meine Techniken geprägt. Meine späteren biomechanischen Überlegungen der Technikausführung bestätigten die Richtigkeit seiner Lehre sowohl aus der Sicht der Energie als auch aus der Sicht einer gesunden Belastung unseres Körpers. Seine Art Training im engsten Kreis zu geben war pädagogisch einfach gut. Ich habe bei ihm viel lernen dürfen. Nicht nur Techniken, sondern auch das Verstehen des Karate.

KDB: Du hast über die Jahre hinweg auch einige Funktionärsämter bekleidet. Was war hier für dich die wichtigste Aufgabe.

Franz: Ich möchte hier nicht eine der mir gestellten Aufgaben die wichtigste nennen, sondern möchte für mich wichtige Aufgaben aufzeigen, zu denen ich mich übrigens nie gedrängt habe, sondern immer von anderen gedrängt wurde. Damals hatten wir noch nicht so viele Mitglieder. Und es wurden immer Leute gesucht, die bereit waren mitzuarbeiten.

Eine wichtige Aufgabe war der Aufbau des Vereins. Letztlich wollten wir Karate zu dem in der Öffentlichkeit machen, was es verdient. Wir wollten stolz sein sagen zu können wir machen Karate.

Daraus entstand die Notwendigkeit, sich bundesweit und später in Landesverbänden vernünftig zu organisieren. Das musste alles aufgebaut werden. Kampfrichterwesen, Prüfungswesen und Ausbildungswesen musste auf den Weg gebracht werden. Unterlagen und Regeln mussten erstellt werden. Die ersten Länderkämpfe wurden organisiert. Die erste Europameisterschaft des DKB 1967 in Wien wurde organisiert. Und parallel zu dieser Arbeit, die damals von uns im DKB ausgeführt wurde, arbeiteten andere Sportler wie z.B. Peter Trapski, Hans Wecks u.a. in der Sektion Karate des DJB.

Es würde den Rahmen sprengen, wollte ich alle wichtigen Details aufführen. Es waren immer die gleichen, die sich auf Bundesebene an den Wochenenden trafen um zu lernen und das Gelernte in die Landesverbände weiterzutragen.

KDB: Auf den heutigen DKV bezogen war eine ganz wichtige Aufgabe die Zusammenführung der Wettkampfregeln um die ersten gemeinsamen Meisterschaften mit dem DKB, dem Wado-Ryu, dem Deutsch-japanischen Karatebund, dem Goju-Ryu und der damaligen Sektion Karate des DJB später DKU zu ermöglichen.

Franz: Vor der Fusion zum DKV waren es die Zusammenführung der Kampfrichter aller Verbände und nach der Fusion die Erstellung der Prüfungsordnung mit den anhängenden Regelwerken die eine gemeinsames Arbeiten erst möglich machten.

Lange Zeit war auch meine Arbeit als Vorsitzender des Bundesprüfungsvorstandes für eine gemeinsame Arbeit aller Stilrichtungen im DKV wichtig. Tätigkeiten, die heute nicht mehr unbedingt erforderlich sind, damals aber für den Aufbau von existentieller Bedeutung waren.

Alle Arbeiten haben mir Spaß gemacht, da durch diese etwas bewirkt und gestaltet werden konnte.

KDB: Von 1979 bis 1983 warst Du Mitglied der Technischen Kommission der IAKF. Wie war hier die Arbeit als einziger Nicht-Japaner?

Franz: Es bedurfte ein wenig Diplomatie, um die Dinge durchzusetzen, von denen man glaubte, dass sie wichtig wären. Im Grunde wurde innerhalb der IAKF von Herrn Nakajama schon alles im Vorfeld geregelt. Aus heutiger Sicht bin ich sehr froh in dieser Kommission mitgearbeitet zu haben. Ich habe damals viel lernen dürfen, da ich bereit war auch aus negativen Beispielen positive Erkenntnisse zu sammeln.

KDB: Worin bestand anfänglich der Reiz Karate zu trainieren?

Franz: Ich war schon mit 10 Jahren im Boxverein. Als ich 13 Jahre alt war, verbot mir mein damals 17 –jähriger Bruder, der mit mir bis dahin immer gemeinsam zum Training gegangen war, wegen der gesundheitlichen Risiken das boxen. Damals wurde noch nicht mit einem Kopfschutz gekämpft. Für mich war dieses Verbot sehr schmerzlich.

Als ich mit 23 Jahren vom Karate hörte, war ich begeistert. Später reizte es mich, nur eine Technik so lange zu trainieren, bis ich diese präzise beherrschte. Z.B. Gyaku-zuki so lange zu üben, bis er am Partner aus jeder Lage angewendet werden konnte. Das Gefühl einen anstürmenden Partner mit dem Gyaku-Zuki am Kinn nur zu fühlen, ohne ihn zu treffen ist unbeschreiblich. Dafür lohnte sich das harte Training.

KDB: Du betreibst jetzt seit 44 Jahren Karate. Was motiviert dich, auch heute noch nahezu täglich zu trainieren?

Franz: Da sprichst Du etwas an. Noch mit 60 Jahren habe ich mich schon im Vorfeld auf ein anstrengendes Training gefreut. Heute mit 67 Jahren fällt es manchmal schon schwerer, sich für das Training zu motivieren. Wenn man dann aber beim Training langsam warm wird und den Körper positiv spürt wird es wieder richtig schön.

KDB: Was ist das wichtigste, was du durch den Umgang mit Karate gelernt hast?

Franz: Das positive Körpergefühl. Die Kommunikationsmöglichkeit mit dem eigenen Körper. Die Fähigkeit seinen Körper auf seine Möglichkeiten einzuschätzen und dadurch ein gesundes Selbstwertgefühl. Mit der Folge, keine Angst oder Probleme zu haben eigene Schwächen einzugestehen.

KDB: Was sind die wichtigsten Fähigkeiten für das Studium des Karate?

Franz: Beharrlichkeit.

Was ist die wichtigste Eigenschaft eines Karatelehrers?

Das Verantwortungsgefühl seinen ihm anvertrauten SchülernInnen gegenüber. Nach meiner Ansicht ist der Lehrer ist für die SchülerInnen da, nicht umgekehrt.

KDB: Du hast nahezu alle großen JKA-Ausbilder kennen gelernt.

Welche Erinnerungen hast Du an
Hirokazu Kanazawa?
Masatoshi Nakayama?
Hidetake Nishiyama?.
Taiji Kase?
Tetsuhiko Asai?
Keinosuke Enoeda?
Hideo Ochi?

Franz: Vorab möchte ich deutlich machen, dass ich nur die Herren Kanazawa und Ochi bzgl. ihres Trainings gut beurteilen kann, da ich bei beiden sehr intensiv trainiert habe. Die anderen kenne ich nur von Lehrgängen, bei denen ich allerdings auch Eindrücke mitnehmen konnte.

Herr Kanazawa ist ein ganz hervorragender Pädagoge, er hat schon allein dadurch dass er mein erster japanischer Trainer war und ich auch die Möglichkeit hatte viel unter seiner Leitung zu trainieren mein Karate geprägt.

Herrn Nakajama habe ich als ausgezeichneten Diplomaten kennengelernt. Im Karate habe ich nur wenige Lehrgänge bei ihm besucht. Aufgefallen ist mir bei diesen Lehrgängen, dass er die Stocktechniken sehr gut beherrschte.

Von Herrn Nishiyama habe ich lernen können, wie wichtig bei der Ausführung der Technik die Konzentration auf den Punkt ist. Und rein philosophisch, das man bei seinem Bemühen Karate weiterzugeben nie aufhören sollte Pflänzchen zu setzen, selbst wenn man weiß, dass viele wieder zertreten werden.

Herr Kase hat mich durch seine innere Kraft beeindruckend. Seine Eigenschaft, auch mit Kritiken offen umzugehen und diese aufzunehmen, bzw. neue Dinge zu überdenken, war erstaunlich und zeichnete ihn aus.

Bei Herrn Asai habe ich nur einen Lehrgang besucht. Seine Geschmeidigkeit trotz seines Alters war beeindruckend.

Bei Herrn Enoeda mochte ich die Kraft mit der er seine Techniken ausführte. Ich habe ihn innerlich immer mit einem Büffel verglichen. Es war einfach beeindruckend, mit welcher Kraft er seine Techniken ausführte. Neben den Techniken der Herren Kanazawa und Kase waren es diese Form der Techniken die mein Karate sehr geprägt haben.

Herr Ochi ist ein brillanter Techniker. Wer gelernt hat zu schauen, kann sehr viel von ihm lernen. Seine Techniken sind perfekt d.h. vorbildlich. Herr Ochi war für mich ein Trainer der die Leistungsfähigkeit seiner ihm anvertrauten Schüler und Schülerinnen immer sehr gut einschätzen konnte und ihnen alles abverlangte. Er hat mich beim Training immer stark motivieren können. Ich glaube das gilt für alle seiner Schüler und Schülerinnen.

KDB: Mehr als jede andere Kampfkunst ist Karate in unzählige Verbände, Stilrichtungen und Schulen unterteilt. Wie beurteilst du diese Entwicklung?

Franz: Im Verhältnis zu der immer größeren Zahl von Sportlerinnen und Sportlern die Karate betreiben ist m.E. diese von Dir genannte Entwicklung eher zurückgegangen.

Ich denke, der Markt wird es richten. Ich bedaure nur die vielen Menschen die bei Beginn ihrer Karatelaufbahn in irgend einer Schule aber auch Vereinen mit schlecht ausgebildeten Trainern landen und die Trainer oder Trainerinnen noch nicht beurteilen können.

Aber gleich in welchem Verband oder in welcher Schule, m.E. ist die Ausbildung und der Charakter der Trainer bzw. Trainerinnen wichtig. Je mehr Gute wir hier haben, um so besser wird unser Ruf in der Öffentlichkeit sein.

Auch die Wettkampfszene, das Verhalten der Wettkämpfer auf Meisterschaften prägt das Bild des Karate in der Öffentlichkeit.

Natürlich hat gute Ausbildung und öffentliche Darstellung auch etwas mit der Größe eines Verbandes zu tun. Kann, muss aber nicht.

KDB: Du hast Wettkämpfe als Aktiver, Trainer und Kampfrichter erlebt. Wie bewertest Du aktuelle Regeländerungen wie die Öffnung der Punkteskala nach oben oder die Einführung von Fußschützern?

Franz: Jede Mutter liebt ihr Kind, d.h. ich befürworte nach wie vor, die Art des von uns seinerzeit praktizierten Karate. Die heutigen Kämpfer werden die jetzige Regel bevorzugen. Das Kämpfen mit Schützern hatten wir vor langer Zeit schon einmal unter dem Namen Leichtkontaktkarate. Damals hatte sich diese Form nicht durchsetzen können, weil ihr zum Vergleich unser altes System entgegenstand. Heute steht kein weiteres System zum Vergleich daneben, daher sind die Wettkämpfer gezwungen mit diesem System zu leben und werden es mit der Zeit auch lieben lernen, bzw. lieben sie es aus den genannten Gründen schon heute.

Bei den Schützern stecken m. E. Verkaufsinteressen dahinter. Ein Vergleich welche Materialien früher erforderlich waren und heute für den Wettkampf erforderlich sind, und welche Unfälle früher entstanden und heute entstehen, bestätigt diese Aussage.

Aber noch einmal, ich möchte es nicht bewerten. Es ist wie die Frage: was schmeckt besser, ein Apfel oder eine Birne? Auch dieses ist eine Frage der Betrachtung und des Geschmacks.

KDB: Wie glaubst Du, wird sich das Karate der Zukunft entwickeln?

Franz: Ich hoffe in positive Richtung. Karate als Sport hat eine riesig große Palette an Möglichkeiten. Wenn diese Breite genutzt wird, brauchte es eigentlich nicht die Unterteilung in weitere Formen der Kampfsportarten wie heute praktiziert . Es gibt viele Möglichkeiten um mit bestimmten Formen des Karate Freude und Spaß in dieser Sportart zu finden.

Meine Form Karate zu betreiben ist eine der Möglichkeiten. Diese Form des Karate, die ich von meinen Lehrern gelernt und persönlich biomechanisch untersucht habe, finde ich aus gesundheitlicher und energetischer Sicht gut. Ob sie weiterhin Bestand haben wird, wird die Zukunft zeigen.

Das bedeutet aber nicht, das andere Formen die sich entwickelt haben und noch entwickeln werden, schlechter sein müssen. Karate lebt und entwickelt sich und das heutige moderne Karate wird morgen schon wieder vielleicht sogenanntes traditionelles Karate sein.

KDB: Wie findet ein/e Anfänger/in den richtigen Verein und den richtige/n Trainer/in?

Welchen Tipp würdest du jungen Karateka mit auf den Weg geben?

Franz: Jeder Neueinsteiger sollte sich zuerst einmal den Vereinsbetrieb ansehen ohne sich zu verpflichten. Gott sei Dank gibt es in vielen Städten schon mehrere Vereine.

Für das Training des Karate würde ich jedem den Spruch mitgeben: Der Weg ist das Ziel.

Auf diesem Weg gibt es viele Gürtelfarbe. Das Ziel ist zwar die neue Gürtelfarbe, aber der Weg dorthin ist wichtig, d.h. nicht die schnelle Prüfung. Die Prüfungen sind nur Teilabschnitten eines langen Weges auf dem man viel Schönes genießen kann, wenn er richtig begangen wird. Der oder die Trainierende sollte beharrlich sein, damit er oder sie die schönen Dinge erkennen und genießen kann. Und er oder sie sollten die Wege nicht zu kurz setzen, d.h. die möglichst schnelle Prüfung. Ich empfehle sich auf jeden Wegabschnitt Zeit zu lassen und diesen Teilabschnitt bewusst zu genießen.

KDB: Danke für das Gespräch.

siehe auch...

Archiv Bilder aus den 70ern

Archiv Bilder, Zeitungsartikel und Dokumente aus den 70ern – zusammengestellt von Gerhard Verhoeven (1.Dan)